Angelina Kirsch im Interview: “Man sieht nie aus wie die Frau in der Werbung”

Anne Borchardt
Editor in Chief Yahoo Style & Entertainment

Sie ist eine Inspiration für viele Frauen in Deutschland, ein erfolgreiches Model und hat ihre eigene Show im deutschen Fernsehen zur Prime Time, dennoch ist es etwas ganz besonderes sie auf dem Laufsteg der Berlin Fashion Week zu sehen. Warum? Weil Angelina Kirsch keine Konfektionsgröße 34 trägt, die wir von den Runways kennen. Die 30-Jährige hat am Montag die Show des Labels Lascana in romanischen Dessous eröffnet. Damit brachte sie ein Stück Vielfalt (auf den sonst so einseitigen) Catwalk. Im Anschluss an die Fashion Show hat sie uns in einem exklusiven Interview erzählt, wer sie täglich inspiriert, was sie sich für die Zukunft der Modebranche wünscht und was sie an einigen Magazin-Covern extrem stört…

Girls just wanna have fun. Angelina Kirsch hat ihr Laufstegdebüt für Lascana sichtlich Spaß gemacht. (Bild: Getty Images)

Yahoo Style: Was für ein Auftakt der Modewoche in Berlin. Du hattest dein Laufstegdebüt für das Label Lascana und hast diese einmalige Show sogar eröffnet. Wie fühlst du dich jetzt?

Angelina Kirsch: Gut! Ich könnte es direkt nochmal tun. Es hat super viel Spaß gemacht und es ist eigentlich egal, für wen du läufst, es gibt einem immer den gewissen Push. Jetzt aber umso mehr, weil es optimalerweise in Dessous sein durfte. Denn bei den Temperaturen war es perfekt. Ich war glücklich, dass ich nicht in einem Wintermantel dahin schmelzen musste.

Lascana hat ein Kampagnen-Motto für die starke Frau gewählt: “Your World, Your Rules”. Was verkörpert das Dessous-Label für dich persönlich?

Lascana ist für mich eine Marke, die an die Frau denkt, die sie trägt und dabei nicht nur an eine ganz bestimmt Frau, sondern an alle. Es gibt ein riesiges Größenspektrum und es ist auch modisch in den großen Konfektionen. Und wie wir heute bei der Show gesehen haben, steht die Marke auch hinter starken Frauen. Barbara Becker hat zum Auftakt getanzt, Shermine Shahrivar, die auf dem Runway gelaufen ist oder Cassandra Steen, die die Models musikalisch begleitet hat. Für mich eine Marke, die sich auch mal was traut.

Jetzt stehen wir erst am Anfang der Berliner Modewoche, aber wie hast du in der Vergangenheit die Laufstege in Hinblick auf Diversity, genauer gesagt in der Größenvielfalt, wahrgenommen?

Für mich persönlich sind die Laufstege immer noch zu schlank. Die ausgewählten Models sind zu dünn, natürlich haben auch dünne Mädels unbedingt ihre Berechtigung. Wir wollen natürlich die neue Mode auch an den dünnen Frauen sehen. Aber es gibt eben nicht nur sie. Es gibt viele Frauen mit mehr Kurven, kleinere und größere, mit anderen Hautfarben und Haaren. Ich finde, man schießt sich als Designer ins eigene Knie, wenn man das nicht mit aufgreift. Diese Vielfalt würde doch zeigen - ich bin offen, ich bin für jeden da.

Aktuell bist du auf dem Cover des “The Curvy Magazines” in Haute Couture zu sehen, allerdings sind auf dem Titelblatt die ausgefallenen Designs auf dem Körper nur aufgemalt, was hat es damit auf sich? Welches starke Statement steht dahinter?

Es drückt meinen Wunsch aus, dass die Designer auch die Frauen außerhalb der aufgestellten “Traummaße” sehen. Genauer gesagt jenseits der ganz oben stehenden Size Zero. Es ist doch auch einfach schade, dass Frauen wie ich, mit meiner Konfektionsgröße, sich so ein Kleid nicht leisten können, wenn sie es möchten. Es ging mir in der Vergangenheit oft so, dass wenn ich zu einem tollen Event eingeladen war und eine schöne große Robe von einem bekannten Designer tragen wollte, es dann hieß, es tut uns leid, wir haben es nicht in ihrer Größe. Das ist nicht nur schade, sondern irgendwo auch diskriminierend. Und auf der Seite der Designer auch irgendwie dumm, denn man muss ja ehrlich sagen, es geht ihnen damit auch eine Menge Geld durch die Lappen. Die Durchschnittsfrau in Deutschland trägt eben keine Größe 34, sondern eher 42 bis 44.

Auf dem Instagram-Account sagst du selbst über dich, dass du ein Bodyactivist bist. Was steckt dahinter und was wünscht du dir in Sachen Körperbild ganz allgemein für die Modewelt?

Ich würde mir einfach wünschen, dass Individualität einfach selbstverständlicher wird. Und dass nicht jeder plötzlich die Augenbrauen hochzieht und sagt, die Frau hat ja plötzlich mal einen Po. Sondern das man das eben auch feiert und es ganz normal wird.

Du hast über 750000 Follower auf Instagram, die du jeden Tag mit deinen Bildern und Stories inspirierst. Wer oder was ist deine tägliche Inspiration?

Meine Mama. Ich habe viele Vorbilder in verschiedenen Richtungen, aber wenn es um das Selbstbewusstsein oder die Lebensfreude geht, dann ist es auf jeden Fall meine Mama. Sie hat mir das von Anfang an beigebracht. Damals hat sie sich mit mir vor den Spiegel gestellt und gesagt: “Angelina, du wirst eine Frau und das gehört dazu. Du bist schön, so wie du bist. Lass dich nicht durch irgendwelche Kleidergrößen unter Druck setzen.” Und genau deswegen ist es heute ein Kompliment, wenn jemand zu mir sagt, ich sei wie meine Mutter.

#Bodyactivist: Angelina Kirsch und Anuthida Ploypetch kämpfen für Body Positivity

Kurvenvielfalt! Dank Angelina Kirsch gab es auf dem Runway auch etwas anderes als die klassische Größe 34 zu sehen. (Bild: Getty Images)

Auf Instagram sieht man viele schöne Bikinibilder von dir. Jetzt ist der Beginn des Sommers für viele Frauen auch oft ein innerer Kampf, weil es bedeutet sich erstmal mal wieder in einem Bikini am Strand zu zeigen. Welchen Tipp hast du gegen diese unbegründeten Sorgen?

Mein Ratschlag ist: Zieht den Bikini vorher schon einmal an und nicht erst am Strand. Guck euch den genau an und wenn er euch richtig gefällt, dann super. Wenn er nicht gefällt, dann besser einen neuen kaufen, der gut sitzt. Wenn ein Bikini gut passt, dann versteckt sich auch keine Frau. Heutzutage gibt es für jede Körperform die passende Bademode. Aber in erster Linie muss man sich von diesem Druck freimachen. Ich finde das ganz schrecklich, dass ganz viele vor Beginn des Sommers sagen, sie müssen jetzt an ihrer Sommerfigur arbeiten. Wieso denn, man sieht aus, wie man aussieht. Und die Enttäuschung ist vorprogrammiert, wenn man sich dann so hintrimmt. Man ist nie so, wie man sich das vorstellt. Man sieht nie aus wie die Frau in der Werbung.

Da helfen aber auch die Magazine am Kiosk nicht, denn die sind voll mit Tipps für den perfekten Beachbody.

Absolut, da wird kontraproduktiv gearbeitet. Wir kennen doch alle die Cover, wo dann mehrere Bilder drauf sind und die Headline “Cellulite-Alarm bei VIP xy”. Ganz ehrlich, wir haben doch alle die kleinen Dellen und Beulen, sorry. Niemand ist ganz perfekt und wenn das Licht bescheuert ist, dann sieht jeder aus, wie eine Orange. Bei perfektem Licht ist natürlich alles top, aber mit der unberechenbaren Sonne von oben, ist es eben auch mal eine Dellenlandschaft.

Die Anonymität im Netz bringt viele Menschen schneller zur Meinungsäußerung und so kommt es leider auch immer mehr zu negativen Kommentaren. Welchen Tipp hast, wie man am besten damit umgehen kann?

Wie du es sagt, durch die Anonymität scheint man geschützt und dann haut man raus. Ich sag mir immer, ich kenne diese Person nicht. Ich kann nicht in den Kopf des Menschen schauen. Vielleicht hat er oder sie selbst einen schlechten Tag gehabt. Man muss sich immer klar machen, dass man nie allen gefallen kann. Das Wichtigste ist, man gefällt sich selbst und steht hinter dem, was man tut. Gute Leute, die einem wertvolles Feedback geben, sind sehr wichtig. Und dann ist es egal, was eine fremde Person am anderen Ende der Welt schreibt. Allen zu gefallen darf nie der Anspruch sein.

Du hast in deiner Karriere schon unfassbar viel erreicht. Was macht dich richtig stolz?

Das fällt mir sehr schwer, mich da festzulegen. Wenn du mir vor 10 Jahren gesagt hättest, dass ich das alles mal mache, hätte ich niemals daran geglaubt. Jeder einzelne Job, jede einzelne Errungenschaft und jede Stufe, die ich nehmen darf, ist für mich einfach toll. Ich hätte nie gedacht, dass eine Frau wie ich, die auf den ersten Blick nicht den Konventionen entspricht, diesen Erfolg haben kann. Diesen unglaublichen Zuspruch und diese Vorbildrolle zugesprochen bekommt. Das macht ganz viel Mut und das ist nicht nur für mich eine schöne Sache, sondern für so viele andere Frauen wichtig. Das ist für mich das Tüpfelchen auf dem I, dass ich anderen vormachen kann, ihr könnt das auch schaffen, wenn ihr an euch glaubt.

Sprechen wir zum Start der Modewoche in Berlin kurz über Mode. Welches Outfit geht für dich immer?

Ein schönes Wickelkleid. Das tut auch wirklich für jeden was. Man hat sich schnell eine Taille gezaubert und es ist luftig bei den heißen Temperaturen.

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