Barbara Becker im Interview: “Es ist okay, dass Leute einen auch schwach sehen”

Anne Borchardt
Editor in Chief Yahoo Style & Entertainment

Bei der Fashion Show des Dessous-Labels Lacana wurde die neue Unterwäsche-Kollektion schon fast zur Nebensache. Im Vordergrund standen die Frauen, die in ihrer Vorbildrolle die Stärke der modernen Frauen verkörperten. Angelina Kirsch setzte ein Zeichen für ein realistischeres Bild auf dem Laufsteg und Barbara Becker performte mit ihrem “Let’s Dance”-Partner Massimo Sinato einen einmaligen Tanz und bewies damit, wenn du etwas willst, dann kannst du es auch schaffen. Wir haben die Designerin und Pilates-Expertin im Anschluss an die Show zu einem exklusiven Interview getroffen. Dabei hat sie uns verraten, dass die größte Herausforderung bei “Let’s Dance” gar nicht das Tanzen war, wie sie die Berliner Modewoche im Vergleich zu den anderen Fashion Weeks wahrnimmt und wie man am besten mit negativer Kritik umgeht…

Barbara Becker und Massimo Sinato legten am Anfang der Fashion Show von Lascana eine eindrucksvolle Showeinlage hin. (Bild: Andreas Rentz/Getty Images)

Yahoo Style: Wow, was für ein Auftritt! Zusammen mit deinem “Let’s Dance"-Partner Massimo hast du zur Eröffnung der Fashion Show von Lascana spektakulär getanzt. Wie fühlst du dich jetzt?

Barbara Becker: Es gelingt mir immer mehr, einfach den Moment zu genießen. Nicht nur in der Vergangenheit oder Zukunft zu leben, genauer gesagt, daran zu denken, wie es in der Show war und welchen Tanz wir getanzt haben. Ich habe es heute genossen, zusammen mit den anderen starken Frauen ein Teil der Show zu sein. Es war eine sehr kleine Fläche und Massimo und ich mussten einiges der Performance abändern. Die Tanzfläche bei “‘Let’s Dance” ist ja um einiges größer. Aber tagsüber und so nah bei den Zuschauern zu performen, war sehr besonders für mich.

Als du von Massimo bei einigen Hebefiguren rumgewirbelt wurdest, war wirklich nicht viel Platz zum Publikum. Hast du dir in dem Moment nur gedacht, Augen zu und durch?

Ganz genau. Einfach Augen zu und Massimo vertrauen, das habe ich in der Show gelernt. Früher hab ich das nie gemacht und das war eine echte Aufgabe für mich. Hebe- und Rumschmeißfiguren, die sogenannten Reißverschlüsse und Todesspiralen, brauchen blindes Vertrauen. Ich weiß ja nicht, wo es hingeht und dann musst du dich einfach auf deinen Partner verlassen können.

Lascana hat ein Kampagnen-Motto für die starke Frau gewählt: “Your World, Your Rules”. Was verkörpert das Dessous-Label für dich persönlich?

Für mich steht es für genau die Sache, die mir auch wichtig ist: Sisterhood. Dass wir alle Frauen sind mit verschiedenen Formen und körperlichen Erscheinungsbildern. Außerdem verkörpert es für mich, dass wir als Frauen stark sind, uns annehmen und von anderen angenommen werden. Wir sind alle stark und schön, und darum geht es heute hier. Wir sollten nicht nach unseren Fehlern schauen, sondern nach dem, was an uns wunderbar ist.

Exklusiv - Angelina Kirsch im Interview: “Man sieht nie aus wie die Frau in der Werbung”

Auf den Laufstegen sieht man hauptsächlich Models mit der klassischen Konfektionsgröße 34. Heute hat Curvy-Model Angelina Kirsch die Show eröffnet. Wie wichtig war dieser Auftritt und wie nimmst du die Runways der Fashion Week wahr?

Es ist wichtig, dass man Signale setzt. Und auch wenn es nicht immer leicht fällt, in eine Vorbildrolle zu schlüpfen. Das Schöne ist doch, dass jeder weiß, wie die Welt eigentlich aussieht und das sollte sich auch endlich auf den Laufstegen widerspiegeln. Wir sehen alle anders aus und sind auf unsere Art liebenswert und wichtig. Es ist doch albern, Unterschiede zu machen und vorzugeben, du musst so und so aussehen, um jemand zu sein. Ich kenne genügend Topmodels, die sich auch hässlich finden. Es ist doch tatsächlich so, dass man erst an sich selbst arbeiten muss. Man kann es bei Angelina sehen, dass wenn man sich annimmt, dann achtet niemand mehr auf etwas anderes als die tolle Ausstrahlung. Bei ihr merkt man die Lebensfreude. Und darum geht es, mit Dankbarkeit am Leben teilzuhaben und sich nicht klein zu machen.

Barbara Becker: "Ich mache mir selbst Komplimente"

Du hast knapp 40.000 Follower auf Instagram, die du jeden Tag mit deinen Bildern und Stories inspirierst. Wer oder was ist deine tägliche Inspiration?

Ich hab diese große Lebenslust schon immer gehabt. Aber je mehr ich in der Natur bin, im Wald, am Meer, mit meinen Kindern, desto näher komme ich mir selbst. Ich genieße es, ein Teil des großen Ganzen, des Zaubers zu sein, und das ist meine Inspiration. Das Glück hier zu sein. Außerdem inspirieren mich meine Freundinnen, die mir die Angst genommen haben, älter zu werden oder allein zu sein. Ich meine, man ist niemals ganz angekommen, aber es ist doch schön zu sehen, mit wie viel Glück und Gelassenheit man in den Tag gehen kann.

Wenn du auf deine erfolgreiche Karriere zurückblickst, welcher Moment macht dich so richtig stolz?

Tatsächlich würde ich da wieder über “Let’s Dance” sprechen wollen. Auf der einen Seite, weil es in der jüngsten Vergangenheit liegt und auf der anderen Seite so untypisch für mich war. Ich bin stolz darauf, gelernt zuhaben, dass ich loslassen kann. Das Loslassen bei den Hebefiguren ist metaphorisch für meinen inneren Prozess zu sehen. Ich bin eher jemand, der ganz lange für sich selbst übt und erst, wenn ich mir ganz sicher bin, es anderen zeigt. Bei “Let’s Dance” gibt es die Zeit dafür aber nicht. Du bekommst deine vier Tage und danach musst du vor ein Miilionen-Publikum. Die Herausforderung ist dann zu lernen, sich vom Perfektionismus zu verabschieden: Feel comfortable in the uncomfortable! Sich mit seiner Unsicherheit anzufreunden und zu verstehen, dass genau das eben die Stärke bedeutet. Man muss sich nicht immer mit einem Schutzschild schützen, denn es ist okay, dass Leute einen auch schwach sehen.

Nach ihrer Tanzeinlage konnten Barbara Becker und Massimo Sinato die Fashion Show in der Front Row genießen. (Bild: Isa Foltin/Getty Images)

Aber gut Tanzen konntest du doch vor “Let’s Dance” schon, oder?

Ne, also da kannst du mit Massimo sprechen. Taktklatschen konnte ich gut, die Füße haben es nicht immer verstanden. Das ist oft das Vorurteil, dass ich aussehe wie Samba, aber ich kann es halt nicht und ich hab vorher wirklich noch nie getanzt. All das Können von heute ist wirklich von Massimo. Als ich das erste Mal zu “Let’s Dance” kam, hat einer der Mitarbeiter mir wohlwollend gesagt, Massimo bringt auch einen Sack Kartoffeln ins Halbfinale. Wir haben es dann ja leider nicht geschafft, aber ich habe es nicht persönlich genommen.

Die Anonymität im Netz bringt viele Menschen schneller zur Meinungsäußerung und so kommt es leider auch immer mehr zu negativen Kommentaren. Welchen Tipp hast du, wie man am besten damit umgehen kann?

Das, was ich oft gemacht habe, ist keine Schlagzeilen zu lesen, um einfach nicht verletzt zu werden. Ich kenne viele Menschen, die eigentlich sicher im Sattel sitzen und sich dennoch von negativen Kommentaren verunsichern lassen. Ganz wichtig ist dann, es nicht in sich reinzufressen, sondern es mit jemandem, dem man vertraut, bespricht. Ich würde eher negative Aussagen löschen als gegen die Anonymität anzukämpfen. Es ist ja leider so, dass es schon fast zum Hobby geworden ist, ein Internettroll zu sein. Wir wissen um die Gefahren, das sollte wirklich nicht unterschätzt werden.

Du wohnst ja schon sehr lange in den USA. Wie nimmst du mit dem Blick von Außen die Berlin Fashion Week im Vergleich zu den Modewochen der anderen Metropolen wie New York, Paris oder Mailand wahr?

Wir schielen immer zu den anderen großen Modestädten, aber Berlin ist damit nicht zu vergleichen. Deshalb würde ich es nicht im direkten Vergleich stehen lassen. Was ich hier wirklich merke, ist der Glanz. In Berlin herrscht eine ganz andere Stimmung, eine andere Kreativität. Ich finde, man sieht hier sehr viele frische Sachen, die beispielsweise in Paris gar nicht passen würden. Die Deutschen haben sehr viel Geschmack und ein großes Modebewusstsein und wollen auch nicht nur Mode aus Paris oder New York tragen. Es ist wichtig zu zeigen, dass wir nicht nur für Autos und überspitzt gesagt, Sauerkraut, stehen, sondern eben auch für Mode. Je mehr wir selbst daran glauben, desto mehr kann man es nach außen zeigen.

In welchem Outfit fühlst du dich am wohlsten, was ist dein Lieblingslook?

Ich habe ehrlich gesagt keine Klamotte, in der ich mich wohler fühle als in einer anderen. Denn wenn ich aus dem Haus gehe, nehme ich mir immer vor Spaß zu haben. Es gibt natürlich Momente, in denen man sich schmückt und andere, wo es nur darum geht, bequem angezogen zu sein. Aber insgesamt habe ich nicht mehr das Gefühl, dass ich ganz viel brauche, um mich gut zu fühlen.

Du giltst mit über 1,5 Millionen verkauften Fitness-DVDs als erfolgreiche Sport-Queen. Hast du einen Tipp, wie man den gemeinen Schweinehund überwindet?

Das ist tatsächlich keine leichte Geschichte. Aber darauf gibt es nur eine Antwort: Kontinuität. Einmal anfangen und immer weitermachen. Die Idee ist es, zu lernen, dass du es dir selbst wert bist. Es sollte nicht das Ziel sein, Sport zu machen, um im Bikini gut auszusehen. Die Idee sollte sein, dass man seinem Körper etwas Gutes zurückgibt. Ihn nicht nur durchs Leben zu schleppen. Und wenn man den ersten Schritt gemacht hat, dann hat es so einen Lawineneffekt: Du bewegst dich, dann isst du besser, schläfst plötzlich besser, du hast positivere Gedanken und gehst anders mit dir und anderen um.