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"Frauen werden immer noch als sexuelle Objekte stilisiert"

Eric Leimann
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"Frauen werden immer noch als sexuelle Objekte stilisiert"

Schauspielentdeckung Kristin Suckow, 30, ist Ottilie von Faber-Castell. Im gleichnamigen Biopic zeigt das Erste über drei Stunden, wie die blutjunge Erbin ab 1893 einen "Weltkonzern" führen sollte. Ein Drama über Demütigung und Untergang einer frühen deutschen Power-Frau.

Die Deutschen lieben es, Biografien starker historischer starker Frauen zu sehen: Margarete Steiff, Käthe Kruse, Beate Uhse, Aenne Burda - all diese Unternehmerinnen bekamen bereits "ihr" Biopic. Nun folgt mit der Blei- und Buntstift-Dynastie Faber-Castell der nächste bekannte Name, allerdings mit einer weniger bekannten Geschichte dahinter. "Ottilie von Faber-Castell" (Samstag, 14. September, 20.15 Uhr, ARD) erzählt über drei Stunden, wie die blutjunge Erbin ab 1893 von ihrem Großvater zur Chefin eines Weltkonzerns aufgebaut wird, um dann doch einer Demontage durch die Männerwelt ausgesetzt zu sein. Die 30-jährige Brandenburgerin Kristin Suckow, bisher vor allem am Theater aktiv, spielt dies tragische deutsche Powerfrau des späten 19. Jahrhunderts.

teleschau: War das Leben der Ottilie von Faber-Castell genauso bitter, wie der Film es darstellt?

Kristin Suckow: Der Film orientiert sich klar am Roman "Eine Zierde in ihrem Hause. Die Geschichte der Ottilie von Faber-Castell", der schon vor 21 Jahren erschienen ist. Die Autorin Asta Scheib verarbeitete in dem Buch vor allem Briefe von Ottilie. Natürlich waren wir bei den Dialogen im Schlafzimmer nicht dabei (lacht). Insofern: Ja, es ist eine wahre Geschichte, aber mit dramaturgischem Beiwerk.

teleschau: Ist Ihnen bewusst, wie ähnlich Sie der echten Ottilie sehen?

Kristin Suckow: Ja. Auch Johannes Zirner, der meinen Mann Alexander spielt, sieht aus wie das Original. Regisseurin Claudia Garde hatte eigentlich nicht nach Schauspielern gesucht, die ihren historischen Vorbildern ähnlich sehen. Auch sie war fast erschrocken, als wir aus der Maske kamen - und so wirkten, als wären wir aus einem alten Porträtbild der beiden entstiegen. Aber die Maske hat in diesem Film auch einen sehr guten Job gemacht.

"Noch vor 100 Jahren hatte man in seiner Rolle zu funktionieren"

teleschau: Man kennt Ihr Gesicht ohne Maske noch nicht so gut. Wie sind Sie an diese große Hauptrolle gekommen?

Kristin Suckow: Über ein klassisches Casting. Zuerst schickte ich ein Video ein, bei dem ich mich selbst aufgenommen habe. So läuft das heutzutage oft - man nennt es E-Casting. Dann folgte ein echtes Casting, in dem ich auch schon mit Hannes Wegener spielte, der im Film jenen Mann verkörpert, in den Ottilie eigentlich verliebt ist. Hannes und ich hatten schnell eine gute Verbindung. Das war natürlich ein Glück (lacht).

teleschau: Was erzählt uns "Ottilie von Faber-Castell" über Frauen aus gutem Hause, die um die vorletzte Jahrhundertwende herum lebten?

Kristin Suckow: Natürlich ist es eine Zeitreise in die Konventionen und engen Lebensumstände der damaligen Zeit. Das Besondere an Ottilie war, finde ich, ihr großer Mut. Er war so ausgeprägt, dass sie das tun wollte, was sie es für richtig hielt. Nicht das, was die Konvention für Frauen vorsah.

teleschau: Warum ist das heute ein dreistündiges Porträt wert?

Kristin Suckow: Weil wir Frauen vieles von dem, was wir heute tun, als selbstverständlich erachten. Noch vor 100 Jahren war es nicht weit her mit den Möglichkeiten unseres Geschlechts, da hatte man in seiner Rolle zu funktionieren. Es gab keine weiteren Entfaltungsmöglichkeiten. Der Film zeigt schmerzlich die Konsequenzen, die eine Frau tragen musste, die gegen das System rebellierte.

teleschau: Die echte Ottilie durfte ihre Kinder zehn Jahre lang nicht sehen, nachdem sie ihren Mann verlassen hatte. Auch aus der Unternehmensführung hatte man sie herausgedrängt. Eine große Geschichte des Scheiterns also?

Kristin Suckow: Dass sie ihre Kinder so lange nicht sehen würde, wusste sie wohl nicht. Sonst hätte sie die Entscheidung wahrscheinlich nicht so getroffen, denke ich. Aber da spekuliere ich ...

teleschau: Der Film zeigt auch, wie Schwangerschaften und Mutterrolle Frauen damals von Karrieren jeglicher Art fern hielten.

Kristin Suckow: Ja, das stimmt. Wir zeigen, wie eine junge Unternehmerin, die wirklich etwas schaffen will, von allen in ihrem Umfeld an der beruflichen Karriere gehindert wird. Es sind ja nicht nur die Männer, die Ottilie aus der Firma rausdrängen wollen, sondern auch ihre Mutter und Großmutter. Und dass, obwohl sie ihr Großvater als neue Chefin vorgesehen hatte. Als Frau hatte man damals einfach keine Chance.

"Der Sexismus, vor allem in der Werbung, stört mich ungemein"

teleschau: Was stört Sie, wenn wir heute über Gleichberechtigung reden. Wo gibt es sie definitiv noch nicht?

Kristin Suckow: Der Sexismus, vor allem in der Werbung, stört mich ungemein. Da werden vor allem Frauen immer noch als sexuelle Objekte stilisiert. Das passt überhaupt nicht mehr in unsere Zeit! Noch schmerzlicher empfinde ich allerdings die Situation in Sachen Kinderbetreuung. Ich habe gelesen, dass in 90 Prozent der deutschen Haushalte die Kinder von Frauen betreut werden. Deshalb kann man wohl kaum von einer wirklichen Emanzipation unserer Gesellschaft sprechen.

teleschau: Haben Sie selbst Kinder?

Kristin Suckow: Nein, noch nicht. Aber ich liebe Kinder und würde gerne später mal welche haben. Trotzdem ist Emanzipation ein Thema, das mich umtreibt. Es ist einer Frau in Deutschland nach wie vor nicht möglich, ihren Beruf in ähnlicher Weise fortzuführen wie zuvor, wenn man Kinder hat. Auch der typische deutsche Begriff der Rabenmutter, den man angeheftet bekommt, wenn man wie damals Ottilie trotzdem weiter außerhalb der Familie etwas erreichen will, ist immer noch sehr präsent.

teleschau: "Ottilie" ist Ihre erste große Hauptrolle ...

Kristin Suckow: Ja, ich hatte Hauptrollen, aber die haben vorwiegend im Theater stattgefunden. Da spielte ich zum Beispiel Anne Frank, die eine interessante Parallele bei der Rollenvorbereitung aufwies. Beides waren historische Frauenfiguren, auf die ich mich sehr direkt vorbereiten konnte. Bei der einen gab es das Tagebuch, bei der anderen waren es die Briefe. Es ist sehr spannend, sich einen Menschen über solch direkte Quellen zu erschließen.

teleschau: Das Anwesen der Faber-Castells liegt in der Nähe von Nürnberg. Sie drehten aber viele Szenen in Tschechien ...

Kristin Suckow: Wir haben den kompletten Film dort gedreht. Das Schloss Stein, das man im Film sieht, ist nicht das echte. Das gibt es zwar auch noch, aber Dreharbeiten waren dort nicht möglich. Dafür kann es ganz unspektakuläre Gründe geben. Vielleicht führt neben dem Schloss eine laute Straße vorbei. Oder im Hintergrund befinden sich zu viele moderne Gebäude und Antennen, die man aus jedem Bild herausretuschieren muss. Das Schloss, das wir für den Dreh gefunden hatten, liegt in Nord-Tschechien und sieht so ähnlich aus wie das Schloss Faber-Castell in Stein. Darauf hat man schon geachtet.

Ein Lebenstraum? Sich selbst im Freiluftkino sehen.

teleschau: Wie sind Sie zur Schauspielerei gekommen?

Kristin Suckow: Ich komme aus der Brandenburger Provinz, meine Eltern hatten mit der Schauspielerei nichts zu tun. Trotzdem hatte ich schon sehr früh den Wunsch, diesen Berufsweg einzuschlagen. Natürlich wusste ich nicht, wie es gehen sollte. Ich kam dann noch sehr jung an eine Bühne, die sehr professionell arbeitete: Das Kindertanztheater Berlin-Brandenburg. Dort hatten wir vier bis fünf Nachmittage pro Woche mit Tanz und Theater zu tun, plus die ganzen Ferien. So lernte ich schon als Kind und Jugendliche Theaterarbeit auf einem sehr hohen Niveau kennen. Das hat meine Entscheidung für den Beruf doch ziemlich beflügelt.

teleschau: Ändert sich Ihre Karriere durch eine Rolle wie die der Ottilie?

Kristin Suckow: Das weiß ich nicht. Ich bin auf jeden Fall gespannt, was kommt. Und ich bin sehr glücklich mit dieser Rolle. Man bekommt nicht oft die Gelegenheiten, einen komplexen Frauencharakter über drei Stunden in seiner Entwicklung darstellen zu können.

teleschau: Was kommt demnächst noch von Ihnen?

Kristin Suckow: Nach "Ottilie" legte ich erst mal eine kleine Pause ein. Der Film wurde allerdings schon im Sommer 2018 gedreht. Danach spielte ich noch eine Episoden-Hauptrolle in einer Episode "Letzte Spur Berlin" und eine weitere in einem "Friesland"-Krimi. Aktuell bereite ich mich auf einen Kinofilm vor, in dem ich eine Journalistin spiele, die mit Krieg zu tun hat. Das ist ein großes Projekt - und ein sehr spannendes dazu.

teleschau: Womit kann man Sie - abseits der Arbeit - glücklich machen?

Kristin Suckow: Ich bin gern in der Natur, zum Beispiel klettere ich sehr gern. Und ich liebe das Kino. Am liebsten in der freien Natur - das hat eine besondere Magie. Ich durfte noch nie einen Film mit mir "open air" sehen. Das wäre wirklich mal ein Lebenstraum: Das ich mich selbst in einem Freiluftkino auf der Leinwand erlebe (lacht).