Warum posten junge Frauen verkritzelte Insta-Selfies?

Amelia Tait

Für Erwachsene mag das merkwürdig klingen, aber viele 13-Jährige empfinden es als völlig normal – die Rede ist von Instagram-Bildern junger Mädchen, auf denen sie ihre Lieblingsoutfits tragen und sich in Szene setzen, aber ihre Gesichter fast bis zur Unkenntlichkeit zukritzeln oder übermalen. Manchmal ist es auch nur ein Auge oder ein Pickelchen am Kinn , das mit Bildbearbeitungstools oder Snapchat auf diese Weise “abgedeckt” werden soll. In einigen Fällen werden so aber ganze Körperstellen bearbeitet. So verschwinden beispielsweise das Dekolleté oder die Beine unter der Farbe oder auch mal die kleinen Haare auf den Armen – je nachdem, was die Mädchen verbergen wollen.

Auch wenn es augenscheinlich so wirkt, ist dieses Phänomen keinesfalls neu. Schon seit Jahren ist das ein Trend, dem viele Jugendlichen folgen. Und selbstverständlich ernten sie dementsprechend viel Kritik dafür – teilweise auch von Gleichaltrigen. Auf Twitter schrieb beispielsweise schon 2015 ein User Folgendes zu diesem Thema: „Ich verstehe nicht, warum man Fotos auf Instagram hochlädt und dann das eigene Gesicht darin auskritzelt????“ Und auch im Januar wurde das Ganze nochmal aufgegriffen: „Was mich am meisten verärgert sind Menschen, die ihre Bilder auf Instagram oder Snapchat hochladen, ihre Gesichter aber unkenntlich kritzeln“, tweetete jemand, um der Frustration über diese Bilder Luft zu machen.

Dass es Menschen irritiert und verärgert wissen wir, aber warum tun Jugendliche das überhaupt mit ihren Bildern? Wir haben mit denen geredet, die die Antwort darauf kennen, nämlich junge Mädchen, die selbst ihre Fotos auf diese Art verändern.

„Ich kritzele meistens über mein Gesicht, wenn ich meinen Körper auf dem Bild zwar schön finde, mein Gesicht hingegen eher weniger. Oder wenn mir der Hintergrund auf dem Foto besonders gut gefällt und ich es nichtsdestotrotz auf meinem Feed zeigen möchte“, erklärt uns die 16-jährige Sophia. Sie hat mit den Kritzelbildern zum ersten Mal angefangen, als sie vor ein paar Jahren gesehen hat, dass ihre Freund*innen das tun, sagt sie.

Mittlerweile ist es für sie und ihre Freund*innen eine Selbstverständlichkeit Teile der Fotos vor dem Hochladen durchzukritzeln. „Ich finde es normal und mir gefallen die Bilder meiner Freund*innen, auch wenn ich ihre Gesichter nicht wirklich sehen kann“, fügt sie hinzu.

Gerade im digitalen Zeitalter ist der Druck das gesamte Leben mit aller Welt teilen zu müssen sehr hoch, da macht es Sinn, dass gerade die Jüngeren den Erwartungen gerecht werden wollen und alles von sich Preis geben, auch wenn sie mit Unsicherheiten und Selbstzweifel zu kämpfen haben. „Wenn ich beispielsweise zeigen wollte, dass ich auf einer gewissen Party oder einem Event war, aber mir mein Gesicht auf keinem Foto gefällt, kritzele ich einfach die unschönen Stellen weg und kann so wenigstens ein Bild posten“, sagt Sophia. Sie glaubt, dass besonders Teenager mit geringem Selbstbewusstsein dazu neigen, ihre Bilder mit Kritzeleien zu bearbeiten. Bei ihr selbst ist es eher Tagesform abhängig, denkt sie: ”Ich glaube, bei mir verändert es sich sehr oft. An manchen Tagen wache ich auf und bin völlig selbstbewusst und an anderen eben nicht.“

Professor Mark Smyth , klinischer Psychologe und Präsident der Psychologischen Vereinigung von Irland , arbeitet schon sehr lange mit Kindern und Jugendlichen zusammen und glaubt, dass Eltern sich über ein gelegentliches Übermalen der Fotos ihrer Teenies keine Sorgen machen müssen. Kritisch wird es in seinen Augen erst, wenn die Kinder anfangen ihre Spiegel abzudecken oder das eigene Spiegelbild versuchen zu vermeiden. Sehr locker sitzende Kleidung und ein stark zurückgezogenes Sozialverhalten sind weitere Anzeichen für ein ernstzunehmendes Problem der eigenen Körperwahrnehmung.

Für den Professor ist das Phänomen der Kritzel-Selfies das Ergebnis eines Zusammenspiels des altbekannten Gruppendruck, dem viele Teenager verfallen und des neu dazukommenden Drucks, ständig Online-Präsenz zeigen zu müssen. „Sich begehrt, gemocht und akzeptiert zu fühlen ist bei Jugendlichen nichts Neues. Das gehört zu den typischen Phasen, die man als Heranwachsende*r durchmacht, nur die Regeln dazu haben sich heute etwas verändert“, so Smyth. Er erklärt, viele Teenager suchen nach Bestätigung und auf Instagram und Co. bekommen sie die durch Likes und Kommentare. „Indem sie gewisse Körperstellen auf ihren Bildern unkenntlich machen, geben sie sich meistens ein falsches Gefühl der Sicherheit, wo es für sie so scheint, als wären ‘unschöne’ Merkmale unter der Farbe gut versteckt. Das git ihnen die Chance sich als Teil der Gesellschaft zu sehen“, meint er. „Es ist aber eigentlich ein einziges Dilemma, mit dem sie sich jedes Mal aufs Neue beschäftigen müssen. Immerhin zeigen sie, dass sie sich unwohl damit fühlen sich komplett darzustellen, aber gleichzeitig wollen sie auch nicht den gesellschaftlichen Anschluss verlieren.“

Das Bizarre an diesem Verhalten ist für die älteren unter uns jedoch, dass die von den Teenagern als Makel empfundenen Bereiche des Körpers, dadurch eigentlich markiert und nicht retuschiert werden. Im Gegensatz zum Hundefilter oder einer kleinen Bearbeitung über Facetune , zeigen die Kritzel genau, welche Teile des Körpers die Person auf dem Selfie nicht mag. Wir alle verschleiern in Posts gerne unser wahres Selbst, jedoch ist es so eben etwas auffälliger als sonst.

„Jetzt, da ich älter bin, verstecke ich mein Gesicht oder meinen Körper nicht mehr so oft hinter Kritzeleien oder Emojis, aber hin und wieder neige ich noch dazu nur einen Teil meins Gesichts zu posten, wenn es gerade sehr unrein ist“, sagt die 19-jährige Morgan. Sie hat in ihrer Schulzeit angefangen, Stellen in Fotos zu übermalen. Jetzt nutzt sie lieber Filter, da sie „weniger auffällig“ sind. „Sie verstecken die Stellen, die mich unsicher machen und lassen das Bild ansprechender wirken.“

Photo courtesy of Amelia.

Die ebenfalls 19-Jährige Amelia dagegen hält seit sieben Jahren an der Kritzelmethode fest. Und wie Sophia und Morgan auch, findet sie es nicht so unüblich, solche Fotos auf Instagram zu sehen. Für sie gehört es schlichtweg dazu. Doch trotzdem findet sie es traurig, wie gering das Selbstbewusstsein vieler ihrer Freund*innen ist.

„Wenn ich sehe, wie andere es machen, macht es mich schon traurig zu wissen, dass sie ihre eigene Schönheit nicht sehen. Es fällt mir leicht die Schönheit der Anderen hervorzuheben, aber bei mir selbst gelingt es mir nicht so gut. Ich bin fest davon überzeugt, dass man sich selbst am einfachsten kritisieren kann“, sagt die Jugendliche. „Seit ich mich erinnern kann, habe ich Probleme damit meinen Körper so zu akzeptieren , wie er ist“, fügt sie hinzu und erklärt, dass sie früher größtenteils ihren Bauch und die Achseln unter Emojis versteckt hat, bevor sie die Bilder auf Snapchat stellte. Mittlerweile hat sie die App gelöscht und glaubt heute, dass dieser Schritt besonders für ihre psychische Gesundheit von Vorteil war.

Früher oder später wachsen die meisten jungen Mädchen aus dieser Kritzelphase heraus – Morgan beispielsweise greift nur noch darauf, wenn sie Gesangvideos hochlädt und möchte, dass die Menschen sich auf ihre Stimme und nicht auf ihr Aussehen konzentrieren. Sophia selbst sagt, dass sie ihre Selfies nicht mehr „so oft“ durchkritzelt. Meistens nutzt sie aber Bildbearbeitungsapps wie Facetune, um ihr Hautbild eben wirken zu lassen.

Der Druck immer Perfekt aussehen zu müssen ist heute größer denn je. In einer Studie aus dem Jahr 2018 haben Forscher*innen herausgefunden, dass Teenager, die regelmäßig Beiträge in den Social-Media-Kanälen posten, ein erhöht auf ihr äußeres Erscheinungsbild achten, was oft mit einem negativem Körperempfinden einhergeht. Das eigene Selbstbewusstsein ist heutzutage auf eine sehr komplizierte Art mit der Online-Welt verwoben – vielleicht sind ungeliebte Bereiche des Körpers durch das Kritzeln nicht direkt zu sehen, aber schon allein, dass so ein ungeliebtes Bild gepostet wird, kann weitere Unsicherheiten in dir auslösen.

„Ich bin einfach schon daran gewöhnt meine Bilder zu bearbeiten“, sagt Morgan. „Und trotzdem finde ich es schade, dass eine Person überhaupt das Gefühl hat, Makel zu verstecken zu müssen, um als attraktiv empfunden zu werden.“

Für alle, die ohne Social Media aufgewachsen sind, ist es verstörend, Kritzeleien auf aufgeweckten, gesunden und jungen Gesichtern zu sehen. Wir alle haben gewisse Körperstellen, die wir nicht mögen, sei es ein Auge, die Schienbeine, die Zähne oder sogar die Achselhöhlen. Aber im Gegensatz zu früher, können junge Menschen heute, diese mit dem Handy (zumindest auf dem Foto) schnell verschwinden lassen.

„Letztendlich glaube ich, dass unsere ‚Makel‘ uns so einzigartig machen“, sagt Morgan schlussfolgernd. „Natürlich ist das immer einfach gesagt, aber die Gesellschaft hat bedauerlicherweise hohe Erwartungen an unser Aussehen und so ist es nicht überraschend, dass Menschen sich schnell minderwertig fühlen können und ihre Bilder bearbeiten, bevor sie sie der Welt zur Schau stellen.“

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