Psychologin erklärt: Daher kommt der nackte Geltungsdrang auf Instagram

Antonia Wallner
Freie Autorin

Instagram ist eine Bühne. Wer auf ihr bestehen will, braucht den Willen und die Mittel, seine Persönlichkeit mit vielen Show-Effekten zu inszenieren. Social-Media-Nutzer müssen immer schärfere Geschütze auffahren, um aus dem Meer der Social-Starlets herauszustechen. Das neueste Mittel: nackte Haut – und zwar im privaten Rahmen. Woher kommt dieses Bedürfnis nach “Nacktshows“ in den eigenen vier Wänden? Yahoo Style hat eine Expertin gefragt.

Stars wie Heidi Klum und Toni Garn machen vor, wie die nächste Stufe der Insta-Show aussieht: nackt und privat. Klum postete kürzlich ein Video, das sie beim Zähneputzen zeigt. Das Model trägt lediglich einen Slip, die Brüste sind von ihren Haaren bedeckt.

Ihre Follower und Fans folgen natürlich dem Beispiel ihres Stars und fluten Instagram mit nackten Tatsachen. Doch woher kommt eigentlich dieser neue Geltungsdrang? Yahoo Style hat mit der Psychologin und Psychotherapeutin Dr. Friederike Gerstenberg aus Esslingen gesprochen.

Sich nackt oder halbnackt in privatem Rahmen zu zeigen, scheint der neue Trend auf Instagram zu sein. (Symbolbild: Getty Images)

Yahoo Style: Frau Gerstenberg, dass sich Promis auch mal halbnackt auf Instagram zeigen, daran haben wir uns gewöhnt. Doch die Bilder werden immer öfter Zuhause im privaten Rahmen aufgenommen. Warum?

Friederike Gerstenberg: Ich nehme an, dass es darum geht, etwas “Neues“ zu tun, was wiederum Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Wir Menschen neigen ja dazu, neuen Dingen mehr Aufmerksamkeit zu schenken als altbekannten. Wenn sich also jemand in seiner Nacktheit präsentiert, dann bringt das Quote.

Yahoo Style: Wollen die Prominenten den Menschen damit ein Gefühl von Nahbarkeit vermitteln?

Friederike Gerstenberg: Ich glaube, dass sie im besten Fall ein Gefühl von Natürlichkeit vermitteln wollen a la “schaut her, ich bin auch nur ein Mensch“. In wieweit das authentisch ist, kann dann der oder die Betrachterin für sich selbst entscheiden. Promis leben ja davon, dass sie im Gedächtnis der Menschen sind und bleiben. Der tiefere Sinn dahinter ist es wahrscheinlich, weniger “nahbar“ zu sein.

Yahoo Style: Ist durch Instagram und Co. die Privatsphäre schon so ausgehebelt worden, dass die Nacktheit in privatem Raum nun der konsequente nächste Schritt ist?

Friederike Gerstenberg: Ich glaube, damit treffen Sie den Nagel etwas mehr auf den Kopf. Frei nach “Sex sells“ ist das eine der letzten Möglichkeiten, aus seinem Körper Kapital zu schlagen. Was soll danach noch kommen?

Yahoo Style: Gibt es neue Gefahren, die sich daraus entwickeln?

Friederike Gerstenberg: Wer sich da vor der Kamera präsentiert, hat ja nach wie vor einen “perfekt“ wirkenden Körper. Ja, die Haare sind verstrubbelt, die Zahnpasta ist im Mund, aber Bauch, Beine, Po wirken trotzdem perfekt. Es unterstreicht einmal mehr die Schönheitsideale unserer Zeit. Anstatt sich die Selbstpräsentationen von Prominenten anzuschauen, empfehle ich da gerne den Gang in Schwimmbad oder in die Sauna. Da sieht man dann “wirkliche“ und “echte“ Körper und nicht die filter-überzogene Instagram-Blase.

Yahoo Style: Was kann es für psychische Konsequenzen für junge Mädchen haben, wenn sie sich davon inspirieren lassen?

Friederike Gerstenberg: Das Nachahmen dieses neuen Trends halte ich für fatal. Sexualisierung aus dem privaten Raum in die Öffentlichkeit zu tragen, in eine Öffentlichkeit, die nichts vergisst, halte ich für schwierig. Wahrscheinlich hilft dabei Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärung: also das genaue Abwägen, welche Körperpartien ich zur Schau stellen will und sollte. Und auch die genaue Abwägung, inwieweit ich persönlich dann auch mit negativen Rückmeldungen umgehen kann. Die psychischen Konsequenzen können erheblich sein, wenn beispielsweise massive Abwertungen kommen bzw. die Bilder zur Belustigung im Klassenzimmer benutzt werden. Hier geht es - wie so oft - vor allem um die Medienkompetenz von Menschen aller Altersklassen.

Yahoo Style: Gibt es vielleicht auch einen positiven Aspekt an der neuen Nacktheit?

Friederike Gerstenberg: Ich sehe einen positiven Aspekt, wenn Menschen mit unterschiedlichen Körperformen diese mit gutem Blick auf ihre eigene psychische Verfassung posten. Das erzeugt Vielfalt und ist dann auch eine gute Möglichkeit, sich mit dem eigenen Körper auseinanderzusetzen. Solange aber nur Menschen mit “Modelmaßen“ ihre Körper in scheinbar natürlichen Szenen zur Schau stellen, um damit Geld zu verdienen, kann ich dem nicht sehr viel Positives abgewinnen.

VIDEO: Soviel Geld kriegen Influencer für einen Post