Tränendrüse: Dieser Wahlspot des Europaparlaments polarisiert

Hannah Klaiber
Freie Journalistin

Viele schwangere Frauen, noch mehr Tränen und am Ende ein neugeborenes Baby: Der Spot, mit dem das Europaparlament für die Wahl am 26. Mai wirbt, ruft gemischte Gefühle hervor.

Insgeheim, ganz tief drinnen, fühlt man sich schon ein bisschen angesprochen, wenn der Spot startet und man die Stimme eines Kindes hört: “Heute werde ich geboren“, sagt es auf Englisch, “wie Tausende anderer Kinder in ganz Europa“. Da ist es nämlich schon, das Zusammengehörigkeitsgefühl, das Europa braucht, begleitet von nachdenklicher Klaviermusik und warmen Bildern, die einen an die Super-8-Aufnahmen aus der eigenen Kindheit erinnern. Fast möchte man sich zurücklehnen, entspannt weiter schauen und in Gefühlen versinken – doch stopp mal eben: Sollte ein Wahlwerbespot so auf Emotionen abzielen und dermaßen auf die Tränendrüse drücken?

Darf ein Wahlspot so auf die Tränendrüse drücken?

Über 23 Millionen Aufrufe auf YouTube hat der dreiminütige Spot bislang, mit dem das Europaparlament dafür wirbt, vom 23. bis 26. Mai zur Wahl zu gehen. Untertitel des englischsprachigen Spots sind in 21 weiteren Sprachen verfügbar, auch eine Version mit Zeichensprache wird auf dem Facebook-Account des Europaparlaments angeboten.

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Die Zielgruppe des Videos ist also denkbar breit – eine große Herausforderung für den Regisseur Frederic Planchon, der sich schon mit einigen mitreißenden Werbespots für eher weniger mitreißende Klienten, unter anderem Vodafone und die Britische Armee, einen Namen machte. Planchon nun hat sich eines Rezepts bedient, das bei den allermeisten Menschen funktioniert: Emotionen, Babys und Kinder.

Der Wahlwerbespot wirbt mit schwangeren Frauen (Bild: Screenshot/YouTube)

Wir sehen schwangere Mamas in den Wehen, Kinder, die sie umarmen, Männer, die angsterfüllt die Hände kneten. Dazu hören wir die Stimme des Kindes, das Fragen stellt, Angst ausdrückt. Und dann, wenn die Mutter das Neugeborene schließlich in den Armen hält, wieder Hoffnung zeigt, denn schließlich gibt es die Familie, die Liebe und jede Menge Gründe, um dazu beizutragen, an der Zukunft aktiv mitzuarbeiten. Da darf man auch mal weinen, oder?

Eigentlich fehlen nur noch Katzenbabys für den Gipfel der Emotionen

Die trockenen Reden, die Anzugträger, die Thesen und Parteiprogramme fehlen auf den ersten Blick nicht, doch eben nur auf den ersten Blick – denn die Botschaften, die Wünsche, was die EU in Zukunft so brauchen soll, lässt Planchon clever durch den Kindermund ausdrücken: “Den Klimawandel abbremsen, die Grenzen sicher machen, Terrorismus bekämpfen.“

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Unter anderem an dieser Verbreitungsart, der eher beiläufigen Erwähnung politischer Programme, stören sich die Kritiker, die auf YouTube und Facebook mobil machen: “Ungeborene Babys und Kinder für eine politische Agenda zu missbrauchen? Das macht mich krank“ schreibt ein User. “Was wählen wir hier noch mal?“, fragt ein anderer. Auf der anderen Seite widersprechen diejenigen, die von so viel Emotionen aufgefangen werden: “Sehr schön! Das ist die Zukunft der Welt“ trifft auf “Ein gut durchdachter und gut umgesetzter Aufruf“.

Eine Wahlbotschaft sollte ankommen – nämlich die, wählen zu gehen

Ob Babies oder nicht, Emotionen oder Sachlichkeit, für Diskussionen sorgt der Spot allemal – und für Entscheidungen – im besten Fall zunächst einmal die für einen Gang zur Wahlurne. So hat sich zumindest eine YouTube-Kommentatorin entschieden: “Was haben Babies mit der Wahl zu tun? Wenn ich wählen gehe, mache ich das nicht, weil mein neugeborenes Kind davon profitieren könnte, sondern weil ich hoffe, dass es mir irgendwie helfen wird. Wahrscheinlich wird es das nicht tun, aber zu wählen, ist mein Recht und das werde ich nutzen. Leute, geht wählen, obwohl es vielleicht zwecklos ist, geht wählen!“

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