Wutanfall: Mann will sich von Hipstern abgrenzen – und unterliegt schwerem Irrtum

Julia Weiß
Freie Journalistin

Ein 34-Jähriger beschimpft eine Zeitung, weil sie angeblich sein Foto verwendet – und dann auch noch zu der Frage, warum alle Hipster gleich aussehen. Nur: Der Anti-Hipster verwechselt sich selbst. Jetzt lacht das Netz und sieht alle Vorurteile gegen Hipster bestätigt.

Es herrscht Streit um dieses Foto. Ein Leser behauptete, der Mann auf dem Bild zu sein und die TR-Redaktion habe das Foto ohne seine Genehmigung benutzt. (Bild: Yuri Arcurs/Getty Images)

Sein eigenes Foto überraschend in einem Magazin zu sehen, ist ärgerlich wenn man gar nicht gefragt wurde. Dass man dann kein Honorar fürs Abdrucken erhält, ist das eine. Ob man mit dem Thema des Artikels überhaupt öffentlich in Verbindung gebracht werden will, das andere. Ein 34-Jähriger bekam jetzt einen Wutanfall, weil er sein Bild vermeintlich in einem Online-Artikel von “Techreview” fand. Das Thema des Textes war mehr oder weniger: “Warum sehen alle Hipster gleich aus?”

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Sich da zu sehen, gefiel dem Mann gar nicht. Prompt wandte er sich an den Autor des Textes, Gideon Lichfield. Der schildert die kuriose Anekdote nun auf Twitter: “Ihr Mangel an grundlegender journalistischer Ethik, sowohl in der Art und Weise, wie Sie über diesen nicht belegbaren Unsinn berichtet haben, als auch in der verleumderischen und unnötigen Verwendung meines Bildes ohne Erlaubnis, erfordert eine Antwort, und ich werde natürlich rechtliche Schritte einleiten” , habe der Mann ihm geschrieben.

Hipster-Wut: Woher kommt das Symbolfoto?

Auf dem fraglichen Foto ist ein Mann mit Beanie, Vollbart und Flanellhemd zu sehen. Das Problem: es handelt sich nicht um den 34-Jährigen. Es ist ein sogenanntes Stock-Foto, ein Symbolbild mit Model. Solche Fotos verwenden Medienhäuser oft zum Bebildern von Geschichten. Rechtlich gesehen ist “Techreview” auf der sicheren Seite. Das teilte das Magazin dem aufgebrachten 34-Jährigen auch mit, der seinen Irrtum einsah, wohl mit den Schultern zuckte und sich bislang, ohne Entschuldigung, nicht mehr gemeldet hat.

Die Ironie dieses Vorfalls liegt im Thema das Artikels begründet: dem “Hipster-Effekt”. Lichfield teilt auf Twitter seine Gedanken dazu mit:

So weit ich weiß, ist es keine ‘üble Nachrede’, wenn man jemanden als ‘Hipster’ bezeichnet.


Warum hat sich der 34-Jährige dann so aufgeregt? Thema des Artikels mit der Überschrift “Der Hipster-Effekt: Warum Non-Konformisten irgendwann immer gleich aussehen” ist eine aktuelle Studie der Brandeis University im US-Bundesstaat Massachusetts . Der Mathematiker Jonathan Touboul untersuchte anhand eines Computermodells, wie Hipster ihre Outfits anpassen. Das Ergebnis: Im Bemühen, sich von der Masse abzugrenzen, sind sich die Hipster total gleich   was dazu führt, dass sie irgendwann die gleichen Accessoires tragen. Nämlich die Accessoires, die der Mainstream meidet. 

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Dieser Anti-Mainstream-Style hat dann natürlich auch gewisse Erkennungsmerkmale. Tippt man in Stock-Foto-Datenbanken aktuell “Hipster”, erhält man tausende Model-Aufnahmen zu dem Thema. Immer wieder finden sich auf den Bildern: Vollbart, Sonnenbrille, Chucks, Karo und ein Fixie-Bike.

Der Artikel-Autor Lichfield kann daher irgendwie nachvollziehen, warum sich der 34-Jährige auf dem Foto zu erkennen glaubte: “Das Bild ist im Profil aufgenommen. Ziemlich viele Männer in ihren 30er-Jahren mit Bart und Mütze sehen wohl so aus”, sagte er zum Portal “Bored Panda”. Und twitterte: “Hipster sehen sich so ähnlich, dass sie sich selbst nicht voneinander unterscheiden können.”

Tweets zu Hipster-Debatte: “Punks sahen auch alle gleich aus”

Die Debatte geht jetzt im Netz weiter: Ist Hipstertum überhaupt eine Subkultur? Erging es den Punks, zumindest was den Style angeht, nicht ähnlich? Ein paar Meinungen:

“Als ich in den späten 80er-Jahren die Highschool besucht habe, trugen alle ‘Anarchos’ dort die gleiche Jacke. Mit dem gleichen ‘Anarchie’-Button draufgenäht (…) Menschen, die sich unbedingt als super-individuell abgrenzen wollen, gibt es wie Sand am Meer.”


Die Nutzerin @DorisLin fragt, ob der Mathematiker Touboul in seiner Studie vielleicht nur die Hipster berücksichtigt hat, die er selbst als Hipster erkennt:

“Hat Touboul seine Definition von ‘Hipster’ kritisch hinterfragt? Ich hatte in den Achtziger Jahren ein ähnliches Gespräch mit einem MIT-Studenten: Warum sehen alle (nonkonformen) Punks gleich aus? Vielleicht lag es an der Definition von Punk: Lederjacke, Mohawk-Frisur, Doc Martens etc.”

Mit so viel Ernst muss man den “Hipster-Effekt” vielleicht gar nicht diskutieren. Immerhin geht es nicht um Leben und Tod, sondern um Lifestyle-Accessoires die offenbar inzwischen fast jeder im Schrank hat. @GordonKnott kommentiert das umstrittene Hipster-Stock-Foto jedenfalls mit:

“Moment mal, das bin ich ja auf dem Bild…”


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